Einführung

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kam es 1949 zur Ausrufung der beiden deutschen Staaten. Die noch durch die Siegermächte besetzte Hauptstadt Berlin wurde in Ost und West geteilt und daraufhin zum Schauplatz zweier Weltbilder: der Westteil als Enklave der „freiheitlich, demokratisch und westlich orientierten“ BRD, der Ostteil als Hauptstadt der „gemeinschaftlichen, sozialistischen und nach Osten gewandten“ DDR. Der Wiederaufbau der kriegszerstörten Stadt in den 50er, 60er und 70er Jahren spiegelt den politischen Wettstreit der Systeme in öffentlichen Bauaufgaben und Architekturformen eindrücklich wider.

Das infolge der Teilung dezentral am Westrand der DDR-Hauptstadt liegende historische Zentrum mit Staatsoper, Universität und Museumsinsel wird mit großem Aufwand in weitestgehend alter Gestalt wieder aufgebaut, die Ruine des Stadtschlosses wird als nicht zur Ideologie passender Bau gesprengt. Sind in den frühen fünfziger Jahren die sowjetischen, klassizistisch anmutenden Einflüsse mit „Zuckerbäckerstil“ und den massigen Arbeiterpalästen der Karl-Marx-Straße noch stilprägend, wandelt sich die architektonische Hülle nicht zuletzt mit dem „Ideenwettbewerb zur sozialistischen Umgestaltung der Hauptstadt der DDR“ 1958/59 hin zu einer sozialistischen Moderne. Die materialintensive Massivbauweise wird durch den billigeren, typisierten Plattenbau abgelöst, und klare, funktionalistische Formen und Materialien kommen zum Einsatz. Architektur und Kunst werden in den Dienst des Staates gestellt und Mittel zur Propaganda der herrschenden Ideologie.

Die Fotografin Gisela Dutschmann hat den Wiederaufbau Ost mit seinen vielfältigen Architekturen eindrücklich festgehalten. Einen – wenn auch nur kleinen – Eindruck der sich wandelnden Strömungen verschaffen ihre zeitgenössischen Fotografien, die entlang der Strecke zwischen Brandenburger Tor und Strausberger Platz entstanden sind und einige der wichtigsten Bauprojekte der neuen Hauptstadt mit ihren diversen Raumordnungskonzepten, Bauaufgaben und Stilformen dokumentieren. Diese Fotografien dienen als Ausgangspunkt einer Einladung zur Entdeckung des baulichen Erbes der Nachkriegsmoderne.

Ob aus der Ferne oder direkt vor Ort: Achtung - Sie betreten nun Ost-Berlin!